Die Nacht in uns: Über den Maler Niels Sievers
Von Julian Mieth
Es sind hoffnungslose, düstere Szenen, die, auf Leinwand gebannt, so merkwürdig aus der Zeit gerissen scheinen. Eine neblige, mond- und sternenlose Nacht hat sich wie ein Leichentuch über die endlos weite See gesenkt. Ein Segelschiff steht in weiter Ferne bedrohlich schief zwischen Himmel und Wasser, ganz so, als könnte es augenblicklich von den Elementen verschlungen werden. Was der Maler Niels Sievers hier großformatig auf die Leinwand bringt, hat jedoch wenig mit klassischen Seestücken zu tun. Sievers Welt scheint aus den Angeln geraten zu sein: Der Horizont ist bedrohlich aus der Balance geraten, es wäre nicht verwunderlich, wenn sich plötzlich wie in einem Comic-Strip das Meer samt Schiff aus dem Bildausschnitt ergießen würde. Automatisch neigt man den Kopf zur Seite, um eine den Naturgesetzen folgende Wirklichkeit wiederherzustellen, und wird damit selbst Teil dieser entseelten Atmosphäre. So geht es in der gekippten Realität eben nicht um das Bemerken einer realen menschlichen Existenz, für die immerhin der Meereskreuzer Indiz genug wäre, sondern um die Erkenntnis der selbstperspektivischen Zugehörigkeit zum Bild. Das Schiff, das wir von hinten sehen, sich also stets weiter in Naturgewalten kämpft, ist verlassen – auf ebenjenem, das als Transportmittel in eine autofingierte Bildebene dient, ist der Betrachter der einzige Passagier. Der Eindruck der Werkzugehörigkeit wird nicht zuletzt durch einen malerischen Trick vermittelt, den Sievers effektvoll zum Einsatz bringt: Durch die sorgfältig ausgearbeitete, entgegenläufige Pinselführung bewegen sich das verhangene Nachtfirmament und die tobenden Fluten wie zwei Walzen reibend gegeneinander, in deren verschlingender Tiefe der Blick des Betrachters hineingezogen wird.
Gekippte Perspektiven – als ein immerwährendes Wogen und ein Aus-dem-Lot-geraten-sein von Leben und eigener Wahrnehmung – wiederholen sich wie eine Heimaterinnerung in den Bildern des 1979 in Nordfriesland geborenen Künstlers. Wenn Sievers ausschließt, grüne Wiesen und blaue Himmel malen zu können, weil er die Welt so nicht erlebe, dann wird deutlich, welch katalysatorisches Verständnis seiner anti-idyllische Malerei zugrunde liegt. Dort sind Waldlandschaften zu sehen, in denen er mit raschem, fast orgiastisch geführtem Pinselstrich Tannen als bedrohliche Gerippe in den Himmel pfählt; sowie windschiefe Häuser, die mit blinden Fenstern inmitten trostloser Landstriche stehen; oder verlassene, ins Nichts führende Landstraßen. Nein, der Mensch als reale Erscheinung kommt hier nicht vor – dessen Zeugnisse in der uns dort präsentierten entmenschlichten Welt stammen aus einer anderen Zeit.
Die figurativen Bilder verlangen Sievers eine erkennbare Aufrichtigkeit des Darstellens ab. Dabei erscheinen viele seiner Fiktionen, die von Einsamkeit, Sehnsucht, Hoffnungslosigkeit und dem Sich-Ausgrenzen aus der lichten Welt, wie der Versuch einer Gegenrealität zum quietschbunten, überbordenden Medienzeitalter. Dass Sievers hier das eigene Erleben der Umwelt transferiert, zeigt, dass seine dunklen Bilder den unsagbaren Moment anhalten, wo jemand ganz für und bei sich und mitten in der Welt und dieser dennoch entrückt ist. Es sind Schwellenbilder, die, reduziert auf wenige Elemente, geradezu das Trauma der Melancholie desjenigen versinnbildlichen, der mehr in der Innenwelt denn in seiner Außenwelt beheimatet ist.
Im jüngsten Bilderzyklus brachte Sievers überdimensionierte, schwarze Lautsprechermembranen auf die Leinwand – als Konzentrat der in seinem Werk angelegten Infragestellung der Wahrnehmung. Auf einem matten Hintergrund bricht sich das Raumlicht in den Rillen des konzentrischen Ölfarbauftrages und vermittelt den Eindruck von Raumtiefe. Man erinnert sich an die um 1950 entstandenen „Black Paintings“ von Robert Rauschenberg, Mark Rothko, Ad Reinhardt oder Barnett Newman, die mit ihren Bildern sich selbst und die Kunst befragten, beziehungsweise in Frage stellten. In den Lautsprecherbildern setzt Sievers eben diese Selbstbefragung auf minimalistische Art als Quintessenz vor sein Schaffen. Das Schwarz als Nicht-Sehen-Können ist Innehalten und Gewahrwerden zugleich – „Shut your eyes and see“ hat James Joyce die Reise seines Protagonisten im ersten Kapitel des Ulysses eingeleitet, bevor die Irrfahrt beginnt.
Trotz der Beherrschung klassischer Maltechniken und Bildkomposition vermeidet Sievers die süßliche Hyperrealität einer detailliert beobachteten Landschaftswahrnehmung. Immer wieder tauchen Ungenauigkeiten und malerisch nur grob Angedeutetes auf: Sauber ausgearbeitete Verläufe, stimmige Lichtsetzung und ins Manierliche gehende Details stehen den lässigen Pinselpartien gegenüber, ganz so, als wolle sich Sievers durch eine in seinem Arbeitsprozess angelegte Spontaneität einen Ausweg aus der zu konkret ausgearbeiteten Wirklichkeit und einer damit verbundenen Eindeutigkeit offenhalten. Eindeutig, sagt Sievers, sei nur der Betrachter vor dem Bild selbst. Nicht seine Bilder seien dunkel, sagt er, es sei die Nacht in uns, die sich in seinem Werk wiederfinde. Das Festhalten eines wirklichen erzählerischen Moments findet darum in den meist unbetitelten Bildern nicht statt. Mit seinen vagen Traumlandschaften, die er aus seinen Wanderungen fragmentarisch und dadurch oft beängstigend erinnert, konfrontiert uns Sievers mit dem Gegenentwurf einer schönen "Neuen Welt". Stets dominiert die Bilder ein mannigfach farbnuanciertes Nachtschwarz, das uns in einen perzeptiven Schwebezustand versetzt. Wenig verwunderlich ist, dass demgegenüber die in Erinnerung tretenden Naturstücke eines Caspar David Friedrichs plötzlich mit der Leuchtkraft einer atomaren Apokalypse ausgestattet erscheinen.
(Erschienen in: Junge_Kunst, Heft Nr. 80, Ritterbach Verlag, Frechen, September 2009)
Kunstverein Düsseldorf
Niels Sievers malt altertümlich anmutende Sujets: Die dunkle Palette, ein Schiff auf aufgewühltem Meer und einsame Landschaften erinnern an die See- und Waldstücke der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts oder die deutsche Romantik. Dennoch haben seine leicht melancholischen Arbeiten immer einen zeitgenössischen Bezug und gehen nicht rückwärtsgewandt in ihren Vorläufern auf, wie auf den ersten Blick vielleicht zu vermuten wäre. Seine Horizonte neigen sich wie sonst die Schiffe und die klassische Leinwand ersetzt er zuweilen durch eine Schallplatte. Die Vinylarbeiten verklammern auf besonders elegante Weise das malerisch Formale mit dem Gefühl latenter Einsamkeit. Das tiefe Schwarz der Platte und die Erinnerung an eine Klangfärbung lassen die Verbindung nur konsequent erscheinen. Auch der unscheinbare Mond gibt ein leises Echo auf die Platte selbst. Malerei und Musik gehen eine untrennbare Verbindung ein und machen Einflüsse und Beeinflussung subtil sichtbar, ohne mit dem klassisch Malerischen zu brechen.
http://www.kunstverein-duesseldorf.de/index.php/lang-de/jahresgaben/602-niels-sievers
Immendorffs letzter Schüler
von Alain Bieber
Am 28. Mai starb Jörg Immendorff im Alter von 61 Jahren. Seit 1996 und bis zu seinem Tod lehrte er an der Kunstakademie Düsseldorf. art-magazin.de sprach mit Niels Sievers, 27, einem seiner letzten Meisterschüler
art: Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Immendorff erinnern?
Niels Sievers: Klar. Immendorff betrat die Klasse und ihm gefielen meine Zeichnungen. Er hielt immer ewige Monologe. Monologe über die Kunst und darüber, wie er als junger Künstler war. Das fand man dann entweder interessant oder nicht. Und wenn man etwas damit anfangen konnte, kam man ins Gespräch. Überhaupt handelte seine gesamte Lehre vom Künstlerwerden und Künstlersein. Was es bedeutet, Künstler zu sein. Die Positionen in der Gesellschaft. Wo wir leben. Und in welcher Zeit wir leben.
War der Kontakt so familiär, dass man nach der Arbeit auch mal in eine Bar ging?
Nein. Das war bei Immendorff sehr speziell. Über das Persönliche wurde so gut wie nie gesprochen: Es ging immer nur um die Arbeit. Er war ja der Sohn eines Offiziers, und das merkte man. Das war hier kein Kuschelverein. Und Immendorff war auch kein Kumpeltyp.
Haben die Studenten ihn gesiezt?
Er hat die Studenten geduzt, wir haben ihn gesiezt. Seine Arbeitsangaben waren kurz und präzise. Und er hat einen sofort zurückgeholt, wenn man anfing über sein persönliches Leben auszuschweifen. Dann meinte er: „Das interessiert mich alles nicht!“
Und wie war die Stimmung unter den Meisterschülern? Gab es da Konkurrenzkämpfe?
Innerhalb von zehn Jahren gab es nur 20 Meisterschüler, pro Jahrgang höchstens zwei. Deshalb gab es keine Konkurrenz. Man war einfach glücklich über den Titel. Und die anderen kenne ich auch gar nicht. Nach zwei Semestern als Meisterschüler verlässt man ja die Akademie.
Wollten manche nicht die Musterschüler unter den Meisterschülern sein?
Immendorff hat uns stets gelehrt, dass die Kunst absolut frei ist. Und wenn da jemand als „Musterschüler“ auftrat, dann hatte er sofort verloren! Mit Rumstreberei kam man nicht weit. Vor allem nicht bei Immendorff.
Und wie lief der Unterricht ab?
Es gab keinen klassischen Unterricht. Immendorff kam in die Klasse, solange er noch konnte. Danach sind wir zu ihm ins Atelier gegangen. Dann wurden die Arbeiten der Studenten besprochen – und er hat gesagt, ob er sie gut fand oder nicht.
Erinnern Sie sich noch an die Kommentare zu Ihren Arbeiten?
Klar, logisch. Er konnte sehr brutal sein. Er hat seinen Lehrauftrag sehr ernst genommen. Er wollte wirklich etwas weitergeben. Aber bei aller Härte, war er auch sehr behutsam. Manchmal gefielen ihm kleine Details nicht, und manchmal meinte er: „Es ist schwer ein Bild zu machen, in dem es keine Fehler gibt. Hier hast du’s geschafft!“
Wie sind Sie mit der Kritik umgegangen?
Natürlich möchte man es ihm als junger Student recht machen. Man hat halt noch keine Ahnung von Kunst, und dann kommt der Großmeister und sagt einem, wo man Fehler macht und wo man richtige Wege einschlägt.
Was ging gar nicht?
Anbiedern. Nach dem Kunstmarkt malen. Anfangen, wie die Leipziger Schule zu malen.
Und Sie sind nie heulend aus dem Atelier gelaufen?
Ich hatte ja keine Probleme mit ihm. Wir haben uns ja gut verstanden. Sonst hätte er mich auch nicht zum Tutor ernannt. Aber es gibt wirklich Horrorgeschichten. Angeblich haben manche Schüler das Atelier heulend verlassen, und manche hat er rausgeschmissen. Noch früher soll er sich sogar mit Schülern geprügelt haben. Aber ich weiß nicht, ob das stimmt. Sind eben Legenden. Aber manchen Schülern hat er schon gesagt: „Du solltest dir überlegen, ob du aufhörst zu malen!“
Was gehört zu den wichtigsten Dingen, die Sie gelernt haben?
Haltung! Bezüglich allem. Nicht irgendein Kunstfisch zu sein…
Kunstfisch?
Als Kunstfisch bezeichne ich Künstler, die mit dem Strom schwimmen. Die anfangen, irgendwelche opportunistischen Haltungen einzunehmen, um nach oben zu kommen. Künstler, die alles tun, zu jedem nett sind und versuchen mit irgendwelchen Schleimereien auf jede Ausstellung zu kommen. Das hat uns Immendorff auch beigebracht: eine Position einzunehmen – in der Zeit und auch in der Kunst.
1973 veröffentlichte Immendorff sein Dossier „Hier und jetzt. Das tun, was zu tun ist“. Was ist denn jetzt zu tun?
Mehr denn je: Haltung bewahren und zeigen, was wirklich Kunst ist! Zeigen, dass Kunst nicht nur das "Nette" und "Schöne" ist. Sondern dass Kunst viel mit Kämpfen zu tun hat. Mit neuen Wegen. Und dass Kunst manchmal vor den Kopf stoßen muss. Ja, Radikalität hat Immendorff uns auch vermittelt. Uns selbst gegenüber und der Kunst gegenüber.
Und wie sind denn jetzt Ihre Marktchanchen als Immendorff-Schüler?
Keine Ahnung. Ich habe mich noch nicht an eine Galerie gebunden. Darauf war Immendorff auch erpicht: Während man noch Student war, sollte man auf keinen Fall einen Deal mit einer Galerie eingehen!
Warum?
Der Markt ist für junge Künstler eben sehr verlockend. Das sieht man ja auch an den Leipziger Schülern: Man verkauft dann mal fünf, sechs Bilder und das läuft ganz gut, und dann fängt man an, immer die gleiche Scheiße zu pinseln. Weil sie sich eben gut verkauft. Da fängt es dann auch an, keine Kunst mehr zu sein, sondern irgendwelche Illustrationskacke. Wenn man sich einen Namen als Künstler gemacht hat, dann sollte man ein Fundament haben. Also jahrelang experimentiert haben und sozusagen seinen Humus anreichern, von dem man sich als Künstler nähren kannst. Oft hat uns Immendorff gesagt, dass seine Akademiejahre die nährreichsten waren und er aus ihnen am Ende immer noch geschöpft hat.
Und gibt es schon einen Nachfolger? Wer wird jetzt die Klasse Immendorff übernehmen?
Keiner, die wird sich auflösen. Und die jungen Studenten werden sich einen neuen Prof suchen müssen. Das ist der aktuelle Stand. Und ich mache jetzt noch einen Seminarschein, meine Abschlussausstellung, und dann bin ich weg.
Ihr Fazit: Was bleibt?
Den besten Lehrer gehabt zu haben, den man haben kann. Man sieht ja, welche Rolle Beuys in Immendorffs Werk gespielt hat. Er war ja der Meisterschüler von Beuys. Und mit ihm hat er sich sein ganzes Leben auseinandergesetzt. Er hat sich mit Beuys an den Tisch gemalt, er gibt ihm die Flamme zu der Zigarette. Und aus dieser Tradition heraus hat er gehandelt. Er wollte weitergeben, was Beuys ihm gegeben hat.
Termin: Die Ausstellung der Klasse Immendorff "Von Pferden und Affen", bis zum 19. August 2007, Ludwig Museum im Deutschherrenhaus, Koblenz. Katalog:"Klasse Immendorff – Von Pferden und Affen", 19,90 €
http://www.art-magazin.de/szene/917.html